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n-tv glaenzt (mal wieder) mit verblueffenden Einsichten in den Markt [message #174005] Fr, 28 November 2003 17:07
spam.2003.05  
Hallo,

heute auf n-tv.de:

"Euro überspringt 1,20
Der Euro reißt am Freitag eine Rekordmarke nach der anderen. Mittags
übersprang die europäische Einheitswährung die psychologisch wichtige
Marke von 1,20 US-Dollar.
Händler sehen für den Anstieg jedoch keine aktuellen fundamentalen
Gründe. Sie verweisen auf das brückentagsbedingt schwache Geschäft, das
durch geringe Umsätze die Schwankungsanfälligkeit erhöht. Auch die
Furcht vor Terroranschlägen vor dem Thanksgiving-Wochenende und die
generell freundliche Stimmung für den Euro stützten die
Gemeinschaftswährung, hieß es. Wegen des dünnen Handels und mangels
neuer Impulse durch Konjunkturdaten reichten Nachrichten wie die
überraschende Leitzinserhöhung im EU-Beitrittsland Ungarn um drei
Prozentpunkte auf 12,5 Prozent aus, um den Euro nach oben zu treiben.
Gleichzeitig sei die Stimmung für den Dollar angesichts der US-Defizite
weiter schlecht."
http://www.n-tv.de/5196714.html

Dazu möchte ich folgendes anmerken:

1) "Der Euro reißt am Freitag eine Rekordmarke nach der anderen."
Der Euro tradete seit seinem Hoch am Mittwoch (26.11.) ca. 17:30 UTC bis
heute ca. 9:00 UTC unter seinem Hoch. Es kann also keine Rede davon sein,
dass am Freitag eine Rekordmarke nach der anderen "gerissen" wurde.
Gerissen wurden nur die 1.20, und zwar in einer alles andere als
spektakulären Bewegung. Auch die von 1.1850 auf 1.1950 am Mittwoch war
nicht in irgendeiner weise historisch spektakulär, da solche Bewegungen
alle paar Tage vorkommen. Das muss den von n-tv befragten "Händlern"
vollkommen entgangen sein. Am Montag ging es im Rahmen einer solch
spektakulären und "Rekordmarken reißenden" Bewegung sogar nach unten,
von ca. 1.1925 auf ca. 1.1750. Fazit: Die Bewegung lässt sich problemlos
als Schwankung im Rahmen der üblichen Intraday-Volatilität erklären.

2) "Händler sehen für den Anstieg jedoch keine aktuellen fundamentalen
Gründe."
Na sowas, sie sehen also für solch eine zufällige Schwankung, die alle
paar Tage vorkommt (nach oben wie nach unten), mal ausnahmsweise keine
fundamentalen Gründe. Wenigstens etwas. Trotzdem können sie es sich wohl
nicht verkneifen, sich ein paar "fundamentale Gründe" auszudenken, denn
weiter heißt es:

3) "Sie verweisen auf das brückentagsbedingt schwache Geschäft, das
durch geringe Umsätze die Schwankungsanfälligkeit erhöht. Auch die
Furcht vor Terroranschlägen vor dem Thanksgiving-Wochenende und die
generell freundliche Stimmung für den Euro stützten die
Gemeinschaftswährung, hieß es."
Wir haben heute also "brückentagsbedingt schwaches Geschäft" im
weltumspannenden 24-Stunden Forex-Handel! Damit ist wohl auch zu
erklären, dass die Schwankungsanfälligkeit im Forex-Handel heute
scheinbar sogar niedriger ist als im Vergleich an anderen Tagen, die zwar
keine Brückentage sind, aber weit höhere Intraday-Bewegungen (wenn auch
nicht notwendigerweise mit Überschreitung einer "psychologisch wichtigen
Marke") beinhalten. Dann ist natürlich wieder der allgegenwärtige
Terrorismus als "fundamentale Begründung" eines Anstiegs um 0.0050 Cent
gut. Das ist noch nichtmal mehr komisch, insbesondere, falls das wirklich
ein "Händler" gesagt haben sollte. Und die "gute Stimmung", die die
Gemeinschaftswährung ja seit Monaten stützt, muss am Montag scheinbar
plötzlich ausgesetzt haben. Da gab es ja schließlich eine viel
spektakuläre Kursbewegung, nur eben nach unten.

4) "Wegen des dünnen Handels und mangels neuer Impulse durch
Konjunkturdaten reichten Nachrichten wie die überraschende
Leitzinserhöhung im EU-Beitrittsland Ungarn um drei Prozentpunkte auf
12,5 Prozent aus, um den Euro nach oben zu treiben."
Erneut verblüfft die Idee, dass die Umsätze im Forex-Handel sich
wesentlich um Brückentage scheren sollten. Und dann ist auch noch die
ungarische Leitzinserhöhung verantwortlich. Welche Leitzinserhöhung mag
wohl für den gestrigen Anstieg zuständig gewesen sein? Solche
"Schwankungen" gibt es übrigens auch regelmäßig zu nachtschlafenden
Zeiten. Wer gibt denn da wohl Leitzinserhöhungen bekannt? Aber irgendwas
passiert ja immer und kann dann von "Händlern" auf groteske Weise als
Erklärung für zufällige Schwankungen im Rahmen der
Intraday-Volatilität (oder auch weit darunter) herangezogen werden.

Ja, ich kann mittlerweile über n-tv nichtmal mehr lachen. Diese Art von
"Berichterstattung" tut schon weh.

--
"It's characteristic of democracy that majority rule is understood as
being effective not only in politics but also in thinking. In thinking,
of course, the majority is always wrong." -- Joseph Campbell
----------+ The Dark experience: de.alt.talk.dunkle-seite +------------
Re: n-tv glaenzt (mal wieder) mit verblueffenden Einsichten in denMarkt [message #174007 ] Fr, 28 November 2003 19:11
helmut karlowski  
Joern P. Meier wrote:


> Hallo,
>
> heute auf n-tv.de:

....

> Ja, ich kann mittlerweile über n-tv nichtmal mehr lachen. Diese Art von
> "Berichterstattung" tut schon weh.

Tu Dir einen Gefallen, und beachte von n-tv nur noch den videotext. Das
Expertengelaber ist eher kontraproduktiv. Finde ich.

-Helmut
Re: n-tv glaenzt (mal wieder) mit verblueffenden Einsichten in den Markt [message #174039 ] Mo, 01 Dezember 2003 01:25
NJweek48yr2003  
Helmut Karlowski <hk.usenet [at] ish.de> wrote:

> Tu Dir einen Gefallen, und beachte von n-tv nur noch den
> videotext.

Und "earthVIEW" vor den Nachrichten.

SCNR
Nicolas

--
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